Kapitel 7: Auf nach Berlin

Nach der Anmeldung bei TechNect war es ein leichtes, Hadiil zu kontaktieren. Sie verabredeten sich auf 8 Uhr morgens am Südtor. Leonard befürchtete schon, dass er extra auf den Dachboden gehen müsste, um einen Blick auf die Standuhr zu werfen, da fiel ihm auf, dass der X45-Z oben links auf der Halbkugel ein paar Zahlen anzeigte. Es war zwar etwas ungewöhnlich, sie so abzulesen, aber es war eindeutig die Uhrzeit.

Leonard gab seinen Eltern Bescheid, dass er einen Markt in einer anderen Stadt besuchen müsse. Als seine Mutter hörte, dass es für seine Ausbildung war, war sie überglücklich und gab ihm einen großen Geldbetrag, damit er sich auch alles kaufen könne. Sein Vater umarmte ihn und gab ihm Ratschläge, wie er sich auf der langen Reise am besten verteidigen könne, wenn es dazu kam. Sie packten ihm Proviant für mehrere Tage zusammen, denn Berlin - dort wo der Markt sein sollte - war sehr weit von ihrer kleinen Stadt entfernt.

Tanė seufzte:

"Leider kannst du ja nicht mal seit an seit apparieren, ohne dass dir 3 Tage lang übel ist... Und was das letzte Mal beim Flohpulver passiert ist, wollen wir lieber gar nicht erst erwähnen... Daher wirst du wohl reiten müssen... Diese Hadiil hat ein Pferd, sagst du?" - "Ja, ein ganz edles Pferd. Obwohl sie angeblich nicht adlig ist", meinte Leonard.

Leonard verließ winkend seine Eltern, und bog um die Ecke der Brennnesselstraße. Sie hatten sich am Südtor verabredet, und das erste was Leonard sah, war eine sehr eigenartige Kutsche.

Anscheinend wurde diese Kutsche wie so viele in der Zaubererwelt von Thestralen gezogen, denn er konnte keine Pferde vor der Kutsche sehen. Natürlich hatte die Kutsche auch keinen Kutschbock, denn Thestrale wissen ja normalerweise, wohin sie laufen sollen. 

Aber anders als normale Kutschen hatte diese große Fenster an allen Seiten, sodass man gut hinein schauen konnte. Die Räder der Kutsche waren irgendwie anders - sie waren irgendwie durchscheinend und schienen ohne jede Substanz zu sein. Die Streben der Räder waren viel zu dünn, als dass sie so eine große Kutsche halten könnten.

"Du betrachtest also bereits unseren Reisegleiter?", fragte ihn eine Stimme.

"Oh, Hadiil, guten Morgen", erwiderte Leonard, als er Hadiil gewahr wurde. "Ja, also dass ist unser Reisefahrzeug? Wie sagtest du - Gleiter? Das ist doch kein Drachen, oder? Ist doch eine Kutsche, oder nicht? Warum sind die Räder so komisch?"

"Die Räder sind nur Tarnung", antwortete Hadiil, "aber psssst, es müssen ja nicht alle hören."

"Wie - Tarnung?", fragte Leonard.

"Naja, trete doch mal gegen", schlug Hadiil vor. 

Leonard wäre beinahe hingefallen, denn der Fuß ging durch die Räder durch.

"Die Räder sind nur ein Hologram", erklärte Hadiil, als ob das irgendwas erklären würde. "Stell dir die wie eine Art Geist vor."

Leonard fragte dann erstaunt: "Aber wie hält sich die Kutsche dann über dem Boden?"

"Antigravitation", sagte Hadiil, als ob das alles erklären würde. "Die Kutsche hat am Boden eine Platte mit negativer Gravitation, die sie in der Luft hält."

Leonard staunte. Zu was man die Wissenschaft so gebrauchen konnte - das hätte er sich nie träumen lassen. Gewiss, der X45-Z war schon ein Wunderwerk, aber so etwas... das hätte man mit keiner Magie der Welt geschafft. Gewiss, einen Besen fliegen lassen, das ging. Aber so etwas großes wie eine Kutsche? Unmöglich. Kein Magier wäre stark genug gewesen, so einen Zauber zu wirken.

"Wir müssen jetzt aber wirklich los, wenn wir vor der großen Nachmittagshitze ankommen wollen", sagte Hadiil.

"Moment, soll das heißen, wir erreichen Berlin an einem Tag?", fragte Leonard.

"Na was dachtest du denn?", fragte Hadiil schnippisch. "Wir gehen doch nur schnell einkaufen."

"Aber Berlin...", stammelte Leonard, "das sind doch mehrere Tagesreisen, selbst mit Thestralen..."

"Diese Kutsche hat keine Thestrale. Sie bewegt sich von selbst.", erklärte Hadiil.

Leonard verstand das zwar nicht so recht - wie sollte die Kutsche fahren, wenn nicht dadurch, dass sie von Thestralen gezogen wurde - aber er wollte nicht widersprechen, also schwieg er und stieg mit Hadiil in die Kutsche. Die Kutsche schwankte wie ein Schiff, als er einstieg - das musste wohl an der Antigravitation liegen.

Innen war die Kutsche noch viel merkwürdiger, denn sie hatte ein Brett mit sehr vielen Knöpfen. Hadiil tippte etwas darauf herum, und plötzlich fing die Kutsche an zu beschleunigen. Tatsächlich bewegte sie sich ganz anders als diese Thestralkutschen, viel sanfter und in einer Geschwindigkeit, die man auch mit Thestralen nie erreicht hätte. Die nähere Landschaft verschwamm Leonard vor den Augen, sodass er schon fürchtete, ihm würde schlecht.

"Nach vorne musst du gucken, damit dir nicht schlecht wird", sagte Hadiil, die wohl schon ahnte, was mit Leonard los war.

Jetzt verstand Leonard auch, warum die Scheibe vorne so groß war. Das brauchte man, damit man überhaupt in der Geschwindigkeit vorne alles erkennen konnte.

"Musik?", fragte Hadiil.

"Wie Musik?", fragte Leonard zurück.

"Ob du Musik hören möchtest", antwortete Hadiil.

"Achso, du hast Zaubereradio hier drin?", fragte Leonard.

"Das auch, aber ich habe noch etwas viel besseres - einen Musikkatalog. Wir können hören, was wir wollen", erklärte Hadiil.

Leonard wunderte sich. "Wie soll denn das gehen? Ich dachte Magie kann nur für alle Radios das gleiche übertragen? Oder hast du ein Grammophon hier drin? Ich sehe aber gar keine Schallplatten?"

"Schallplatten brauchen wir nicht, es ist alles im TechNect gespeichert", erklärte Hadiil.

Leonard sagte: "Ich dachte das ist nur zum Nachrichten schicken?"

"Nein, das ist für alles mögliche", erklärte Hadiil. "Also, welche Musik magst du gerne?"

"Hm, meine Mutter hatte mal eine ganz seltene Grammophonplatte von Duivelspack, die mochte ich immer.", sagte Leonard. "Leider mussten wir sie eines Tages auf dem Markt verkaufen, weil wir kein Geld mehr hatten."

"Duivelspack? Ja, die sind bei den Technikern auch sehr beliebt. Natürlich haben wir ihre Schallplatte auch digitalisiert. Moment..."

Und plötzlich erscholl in dem Gleiter Musik, wie aus einem Zaubererradio, nur ohne Moderation.

"Du kannst diese Musik auch jederzeit auf deinem X45-Z hören", erklärte Hadiil, als sie sah, wie Leonard die Musik genoss. "Musst du nur im TechNect suchen."

"Aber das ist doch bestimmt sehr teuer, oder?", fragte Leonard.

"Eigentlich nicht. Wenn du mit Werbung hörst, musst du gar nichts bezahlen", erklärte Hadiil.

"Was ist Werbung?", fragte Leonard. Wie zur Antwort erklang plötzlich Musik, die nicht von Duivelspack war und eine Stimme wie von einem Marktschreier (nur nicht so laut), die ein Leonard unbekanntes Produkt anpries.

"Das ist Werbung, etwas nervig manchmal, weil sie sich immer wiederholt", sagte Hadiil.

"Das kenne ich vom Markt, die Marktschreier machen das auch immer", sagte Leonard. "Ja, das kann ganz schön nerven."

Zum Glück war diese Werbung viel kürzer als die Marktschreier und sie hörten weiter die schöne Musik von Duivelspack.

"Wir sollten dann in etwa zwei Stunden da sein", sagte Hadiil. "Weck mich auf, wenn du auf der Karte Berlin siehst", sagte sie und zeigte Leonard eine Karte auf einem Edelstein in der Mitte von der Konsole.

Leonard staunte, denn diese Karte bewegte sich. Er kannte zwar sich bewegende Karten, aber dort bewegten sich normalerweise nur die Punkte, die die Menschen auf der Karte zeigten. Auf dieser Karte bewegte sich die Landschaft um einen roten Punkt herum, der der Kutsche ähnlich sah. Er wollte gerade nachfragen, wie das funktionierte, als Hadiil schon eingeschlafen war.

Das Album von Duivelspack hatte sich gerade das erste Mal wiederholt, da erschien auf der Karte ein Ort mit der Aufschrift Berlin. Leonard war aufgeregt, wegen seiner Ungeschicklichkeit in der Magie war er noch nie in Berlin gewesen. Mit dem Flohpulver war er zwar mal in Bern gelandet, war dann aber ganz schnell zurück nach Hause gereist mit der Notfallpackung Flohpulver. Zumindestens das konnte er gut. Er hatte auch jetzt eine Notfallpackung dabei, in seiner magisch vergrößerten Tasche, in der er immer wühlen musste (und manchmal kletterte er auch hinein). Aber der Aufrufezauber klappte bei ihm ja immer nicht.

Er tippte vorsichtig Hadiil an. Die schreckte kurz auf: "jaja, ich habe eine Fahrkarte... Moment... Achnee ich bin ja in meinen eigenen Gleiter :)"

Leonard sagte: "Durch welches Tor fahren wir nun nach Berlin?"

Hadiil grinste verschmitzt: "Durch das geheime Holotor. Siehst du die Wand da vorne?" "Meinst du die, auf die wir in dieser wahnsinnigen Geschwindigkeit zufahren?", sagte Leonard ängstlich.

"Genau, das ist keine Wand. Moment..." Und sie tippte etwas auf der Karte an... "Siehst du, jetzt ist die Wand durchscheinend grün, was heißt dass sie nur ein Hologram ist, und wir durchfahren können. Wäre das Hologram rot, hieß es, das wir gesperrt sind."

Leonard staunte. Das war ein toller Trick. So konnte man nicht aus Versehen in eine geschlossene Wand fahren.

Die Kutsche, sorry, der Gleiter glitt durch die Wand und wurde dann langsamer. In der Rückscheibe sah Leonard nun ebenfalls diese grüne durchscheinende Wand, die plötzlich gelb und rot wurde. "Wieso ist die jetzt rot?", fragte Leonard. "Weil gerade ein Magier aus dem Nordtor gekommen ist. Nicht dass der noch hier reinkommt. Daher ist nun das Holotor blockiert", erklärte Hadiil.

Weiter sagte sie: "Aber es gibt noch eine zweite Sicherheit. Siehst du da vorne den Troll am Guckloch sitzen?" - und tatsächlich, da saß ein Troll hinter einem Loch in der Innenmauer. "Ihre Bestellung bitte", sagte der Troll in einem erstaunlich klaren Dialekt. "Zwei Neubrandenburger mit Ketchup und Majo bitte", sagte Hadiil. "Kommt sofort", sagte der Troll und an der Mauer erschien ein großer Schlauch.

Hadiil stellte den Gleiter direkt an den Schlauch. Dieser saugte den Gleiter an und Hadiil und Leonard konnten durch den Schlauch in eine große Halle mit Marmor Fußboden gehen.

Leonard staunte: "Ziemlich nobel hier" - "Ach das ist alles nur bedrucktes Plaste" erwiderte Hadiil. Plaste schien ein Material zu sein, dass weicher als Stein war. Zumindestens lief es sich angenehmer.

Da sah Leonard plötzlich jede Menge große Körbe auf Rädern. "Was ist das?", fragte er Hadiil.

"Einkaufskörbe natürlich. Hier hast du einen digichip, damit kannst du uns einen holen. Achso, kannst du mir bei der Gelegenheit meinen Schraubenzieher zurück geben?" 

"Natürlich", sagte Leonard, kramte zum Glück nur kurz in seinem Beutel und tauschte mit Hadiil gegen etwas, dass wie eine Münze aussah. Nur auch aus diesem Material - Plastik?

Er ging zum Einkaufswagen und fand eine Vertiefung in die der digichip passte. Trotzdem ging die Kette, mit dem die Wagen zusammengebunden waren, nicht ab. "Du musst den Chip noch reinschieben!", rief ihm Hadiil zu. Tatsächlich, diese Vertiefung konnte Leonard nach rechts schieben und dann ging die Kette ab. Er rollte mit dem Einkaufswagen zu Hadiil, die vor einem großen Tor stand.

Kaum dass Leonard vor dem großen Tor stand, ging dieses magisch nach oben in die Mauer und dahinter war nur ein kleiner Raum, gerade groß genug für Leonard, Hadiil und den Einkaufskorb.

"Und jetzt?", fragte Leonard.

"Moment", sagte Hadiil. Das Tor ging zu und plötzlich wurde Leonard leichter. Fiel er etwa runter? Das Tor bewegte sich nach oben! Und darunter kam eine Wand zum Vorschein, die sich erst langsam und dann immer schneller nach oben bewegte.

Leonard war das etwas unheimlich, aber zum Glück wurde die Wand bald wieder langsamer und ein neues Tor erschien.

Es öffnete sich und Hadiil sagte: "Willkommen im Schiebeweg!"


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