Kapitel 2 - die richtige Adresse
Etwas früher am Tage, genau genommen um 12:34 spazierte eine Frau in einem orangen Overall durch die Brennesselstraße. Sie pfiff eine Melodie vor sich hin, die den meisten Bewohnern der Straße sehr unbekannt vorkommen musste. Und obwohl der Schneesturm um sie herum tobte schien sie sehr vergnügt zu sein. Sie hatte einen schwarzen Edelstein in der Hand, welchen sie hin und wieder auf die Häuser der Straße richtete.
Diese Handlung schien ohne jegliche Wirkung zu sein, doch die Frau betrachtete immer wieder voll Verzücken die Oberfläche des Edelsteins, nachdem sie ihn auf die Häuser gerichtet hatte.
Und tatsächlich: auf der Oberfläche des Edelsteins waren kleine Bilder der Häuser zu sehen. Man konnte fast denken, dass es eine Spiegelung war, doch das Bild war völlig unabhängig von dem Winkel, in dem der Stein gehalten wurde.
Auf einmal brach die Frau in einen wahren Freudentanz aus, als sie Haus Nummer 7 in dem Stein erblickte. "Juhuuu, ich habe es gefunden! Yippie yippie yeah!", rief sie und tänzelte im Kreis.
Plötzlich blieb die aprubt stehen denn sie hatte eine dunkle Gestalt in einer kunstlederjacke erblickt.
"Ziemlich auffällig, meinen sie nicht, schöne Flavia?"
Flavia stammelte: "Oh, nun ja, eigentlich wollte ich gar nicht singen.... Und ich habe wohl vergessen mich umzuziehen..."
"Blödsinn, ich meine das Haus. Sieh es dir doch nur 'mal an. Alleine der Schornstein ist so krumm und schief dass ich mich wunder wie der Rauch da herausfindet..." entgegnete die Gestalt.
Flavia schmunzelte ein wenig und erklärte: "Es sind nun einmal Menschen, die mit der Magie vertraut sind. Damit müssen sie sich abfinden, Mr. Grumarld."
Mr. Grumarld schien sich damit aber überhaupt nicht anfreunden zu können.
"Sie haben meine Sonde verzaubert!", entrüstet er sich. “Ich habe gerade ihre Wohnung inspiziert und plötzlich wird alles grün und dann taucht die Sonde vor meinen Augen in einem grünen Blitz auf!"
"Dann beherrschen sie also auch die Telekineseportation! Wahnsinn was sie alles mit Magie bewerkstelligen können!", schwärmte Flavia.
"Das ist wirklich Wahnsinn. Stellen Sie sich vor, was passieren würde, wenn diese Magie den falschen Leuten in die Hände fällt. Ein gewaltiger dunkler Magier, was der alles bewerkstelligen könnte..."
"Nun mach Mal halblang", wies ihn Flavia zurecht. "Hast du schon jemals erlebt, dass die Magie über solch kleine Wunder hinausging? Damit haben sie in Grunde auch nicht mehr Macht als wir. Natürlich, auch wir können unheimliche Macht erlangen. Denk nur an Omnistore. Und das war nicht einmal ein Mensch sondern ein vernetztes Computersystem.
Aber zu solch einer Organisation sind die Magier ja nicht im Stande."
"Und das ist auch gut so. Bist du sicher, dass wir ihnen den X45-Z anvertrauen können?
"Immerhin ist dieser - Fred hieß er glaub ich?" "Ferdinand." - "Ah, ja Ferdinand. Ich wusste doch, irgendwas mit F war es. Jedenfalls ist dieser Ferdinand doch der Bruder von Justin. Gewiss hat er ihm einmal über die Schulter geschaut, als Justin die Z-Serie entwickelt hat. Insofern ist es ja nur logisch, dass Ferdinand den X45 bekommt. Hadiil sollte eigentlich jeden Moment ankommen. Ah, ich glaub ich höre sie bereits...
Von weitem war leises Hufgetrappel hörbar. Und plötzlich bog um die Ecke der Brennnesselstraße ein Pferd, welches ein sonderbar buntes Geschirr trug. Die Zügel waren quietschgelb und das Zaumzeug in einem knalligen Rot gehalten, dabei war die Oberfläche zwar glatt, aber sie glänzte nicht. Und dort wo man die Zügel eigentlich in der Hand tragen sollte, war ein merkwürdiges Konstrukt mit einer Art Knüppel angebracht, der aus dem Pferd ragte. Diesen umklammerte Hadiil, eine sehr kleine, noch sehr junge Frau.
"Hey, hast du denn immer noch nicht reiten gelernt?", neckte sie Flavia.
"Lach du nur", rief Hadiil zurück. "Dafür brauch ich mich nicht in unsichtbaren Gleitern verstecken! Und irgendwann schaffe ich es auch noch richtig zu reiten, dann brauche ich den Steuerknüppel nicht mehr und dann fällt es gar nicht mehr auf, dass ich kein Magier bin!"
Endlich war sie mit dem laut schnaubenden Pferd neben den beiden zum Stehen gekommen.
"Nach meinem Navi müsste es genau dieses Haus sein", stellte Hadiil fest.
"Da hat dein Navi mal ausnahmsweise recht", antwortete Grumarld.
"Was soll das denn schon wieder heißen?", fragte Hadiil. "Als ob mein Navi sich irren könnte!"
"Nun, ich denke da nur an den Ausflug zum See...", stichelte Grumarld.
"Das lag aber nur daran, dass der Weg nicht verzeichnet war!", wehrte sich Hadiil.
"Nun ist aber gut", versuchte Flavia den Streit zu schlichten. "Hadiil, hast du den X45 dabei?"
"Den X45-Z! Klar hab ich den dabei, er müsste hier am Sattel hängen..."
"Bist du denn bar aller guten Logik!?!", fragte sie Grumarld. "Den X45 öffentlich spazieren zu tragen?"
"Ach, den kann man doch sowieso nicht von einer Suppenschüssel unterscheiden", behauptete Hadiil.
"Da hat sie gar nicht mal so unrecht", meinte Flavia. "Ein ungeübtes Auge könnte den X45 tatsächlich mit einer Suppenschüssel verwechseln."
"Den X45-Z!", korrigierte Hadiil.
Grumarld äußerte weitere Bedenken: "Trotzdem finde ich es etwas - nun - gewagt, ihn einfach an den Sattel zu hängen. Wenn er nun kaputt gegangen ist?"
"Ach Quatsch", meinte Hadiil. "Der summt noch ganz zufrieden vor sich hin. Die Z-Serie kriegt man so leicht nicht kaputt."
"Das stimmt", stimmte Flavia zu. "Ich hab die Z-Serie schon Situationen meistern sehen, bei denen jeder andere Droide längst den Geist aufgegeben hätte."
"Nun, wir sollten...", sprach Grumarld mit seiner sich schlangenhaft windenden Bassstimme, "versteht mich nicht falsch, ich will das Ding nicht loswerden, aber wir sollten langsam unseren Auftrag abwickeln."
"Ja gut", ging Flavia darauf ein. "Dann gib mal her, den X45."
"X45-Z!", korrigierte Hadiil, gab aber dann Flavia doch ohne weiteren Kommentar den summenden Droiden, der tatsächlich beinahe aussah wie eine Suppenschüssel.
"So, wer klingelt?", fragte Grumarld.
"Lass das doch den X45 selber machen", empfahl Hadiil, die immer noch auf dem Pferd saß.
"Gute Idee", meinte Flavia, und tippte dem Droiden ein paar mal auf den Rücken.
"Ich würde jetzt gerne verschwinden", meinte Grumarld.
"Ja, ich gehe jetzt auch lieber", stimmte Flavia zu.
"Na dann bin ich auch weg", sagte Hadiil.
"Tschüß!", sagt Flavia.
"Tschau!", rief Hadiil.
"Auf Wiedersehen", sagte Grumarld. "Und, Hadiil, es heißt übrigens X45-Z."
Der X45-Z stand vor der Haustür. Dann fuhr er eine Antenne aus und zog damit an der Klingelschnur.